Ich bin 2005 aus der Montessori Kindergruppe in Schönfeld in die Lernwerkstatt gekommen und habe meine gesamte Pflichtschulzeit, also neun Jahre, in der Lernwerkstatt verbracht.
Von Anna Sagmüller
Ich bin 2005 aus der Montessori Kindergruppe in Schönfeld in die Lernwerkstatt gekommen und habe meine gesamte Pflichtschulzeit, also neun Jahre, in der Lernwerkstatt verbracht.
Ich würde meine Zeit in der LWS als größtenteils sehr glücklich beschreiben. Ich hatte Spaß am Lernen, habe wunderbare Freundinnen kennengelernt, die mir bis heute erhalten sind und ich konnte Theater spielen. Trotz der Tatsache, dass ich immer schon eher schüchtern war, habe ich mich mit 10 Jahren dazu entschieden bei den Pistatschios mitzumachen. Zu dieser Zeit habe ich auch meine große Liebe zum Theater entdeckt – die Freiheit und das Gefühl, ohne die Sorge über das Urteil Anderer jeden Blödsinn machen zu können und dabei auch noch gehört, gesehen und vielleicht sogar bewundert zu werden.
Ich erinnere mich noch gut an den Druck gegen Ende meiner LWS-Zeit. Nicht zu wissen, wo ich jetzt mit meinem Leben hinmöchte, insbesondere, weil es sich nach einer so großen Entscheidung angefühlt hat. Ich war der Meinung, hiermit entscheidet sich, was ich mein ganzes Leben machen werde.
Obwohl ich eine Lehre eigentlich cool gefunden hätte, hat mich nichts genug interessiert, um mich tatsächlich dafür zu bewerben. Der einzige Punkt, bei dem ich mir sicher war, war, dass ich studieren möchte, weshalb ich mich dann entschieden habe, einfach mal die Matura zu machen. Und weil ich zu diesem Zeitpunkt noch ein Teenager mit durchaus ausbaufähiger Selbsteinschätzung war und der Fakt, dass ich unter der Dusche gerne singe, dazu geführt hat, dass ich der Meinung war, dass Sängerin jetzt mein Traumjob ist, habe ich mich entschieden das BORG St. Pölten mit besonders musischem Schwerpunkt zu machen (Spoiler – ich bin absolut nicht besonders musisch, eher das Gegenteil ;)).
Ich wurde im BORG St. Pölten aufgenommen und damit haben die bis jetzt härtesten vier Jahre meines Lebens angefangen. Als ich die Lernwerkstatt verlassen habe, konnte ich kaum Englisch – vermutlich weniger als meine kleine Schwester zum Ende ihrer Volksschulzeit. Mathegrundkenntnisse hatte ich, war aber bei weitem nicht am Niveau durchschnittlicher Regelschüler*innen nach 8 Jahren Pflichtschule. Deutsch: Rechtschreiben konnte ich noch nie wirklich gut. Nebenfächer: „Die fangen doch in der Oberstufe alle wieder von vorne an, oder?“ Ich habe in diesen vier Jahren Oberstufe kaum etwas anderes gemacht als gelernt, gegessen und geschlafen (und das auch nicht viel). Ich hatte zu Beginn Nachhilfe in allen Hauptfächern und habe in den Nebenfächern mehr als einmal gehört: „Das habt ihr in der Unterstufe ja schon mal gemacht.“ Ich habe nie gesagt, dass ich davon noch nie gehört habe, ich bin ohnehin schon genug aufgefallen. Und dann kam noch die Tatsache dazu, mich an ein komplett anderes Schulsystem zu gewöhnen. Es hat mir ja kein Mensch davor gesagt, was ein Supplierplan ist. Dennoch habe ich nach vier unglaublich anstrengenden Jahren und teilweise mehrmaligem Versuch im Jänner 2019 meine Matura bestanden. Auch wenn ich diese Zeit wirklich nicht nochmal durchleben möchte, bin ich unglaublich dankbar für diese vier Jahre, für die tollen Freundschaften, all das Wissen und die Unterstützung meiner Lehrer*innen, die auch mal ein Auge zugedrückt haben. Wenn ich in dieser Zeit eines gelernt habe, dann, wie weit ich mit meinem Willen, etwas zu schaffen, kommen kann.
Ein Aspekt der Lernwerkstatt, welcher mich immer begleitet hat, war meine Liebe zum Theater und so habe ich 2016 begonnen in einer Laientheatergruppe wieder Theater zu spielen. Gegen Ende meiner BORG-Zeit kam Julia, zu dieser Zeit die Leiterin und Regisseurin der Theatergruppe, mit der Frage auf mich zu, ob ich mir vorstellen könnte, Schauspiel professionell zu machen. Wenn ja, würde sie mich auf die Aufnahmeprüfung der Schauspielschulen vorbereiten. Da ich nicht wusste, was ich sonst mit meinem Leben machen wollte und ich mich geschmeichelt gefühlt habe, dass in mir das Potenzial gesehen wird, etwas, dass ich immer nur aus Spaß gemacht habe, auch beruflich machen zu können, habe ich begonnen mich auf Aufnahmeprüfungen vorzubereiten.
Ich habe also nach meiner Matura, beziehungsweise teilweise parallel dazu, begonnen, mich an Schauspielschulen in Deutschland und Österreich zu bewerben. Nach meiner Matura haben mich meine Eltern, die mich bei meiner Entscheidung, Schauspiel machen zu wollen immer unterstützt haben, aus finanziellen Gründen vor die Wahl gestellt, nun entweder zu studieren oder mir einen Nebenjob zu suchen. Ich habe mich daraufhin entschieden, mit dem Studium Theater-, Film- und Medienwissenschaft anzufangen. Ich habe also begonnen zu studieren und nebenbei Aufnahmeprüfungen für Schauspielschulen gemacht, und dann kam Covid. Da ich die Aufnahmeprüfungen nicht online machen wollte, habe ich weiterstudiert. Als 2022 das Leben „nach“ Covid wieder begonnen hat, hatte ich mein Studium in TFM bereits fast abgeschlossen und mich dazu entschieden, dieses fertig zu machen, bevor ich es nochmal mit Aufnahmeprüfungen probieren wollte. Nach meinem Bachelorstudium stand ich im Februar 2023 erneut aus finanziellen Gründen vor der Entscheidung weiter zu studieren. Ich beschloss, mich für den Masterstudiengang Gender Studies zu bewerben, da ich im Laufe meines TFM-Studiums gemerkt habe, dass queer feministische Themen und wie unterschiedliche Formen der Diskriminierung sichtbar werden mich am meisten interessieren. Spätestens beim Schreiben meines Motivationsschreibens für das Masterstudium habe ich zum ersten Mal wirklich hinterfragt, ob Schauspiel noch die richtige Entscheidung in meinem Leben ist. Ich glaube, ich habe noch nie einen Text so schnell geschrieben wie mein Motivationsschreiben für Gender Studies, weil ich ganz genau wusste, warum ich dieses Studium studieren möchte.
Nachdem ich 2023 bei einem Projekt gegen Femi(ni)zide, bei dem ich im Sprechchor beteiligt war, zum ersten Mal gemerkt habe, dass es Projekte gibt, die genau das verbinden, was ich mir immer gewünscht habe, Theater, politisch & gesellschaftlich relevante Inhalte und coole Menschen, habe ich beschlossen bei dem Theaterkollektiv anzufragen, ob ich bei der nächsten Produktion eine Hospitanz machen dürfte und habe das Angebot bekommen als Regieassistentin in die Produktion einzusteigen. Wiedermal war ich komplett überfordert, weil ich mich in einer Situation befunden habe, in der ich keine Ahnung hatte, was hier eigentlich von mir erwartet wird, aber ich habe mein Bestes versucht und meinen Job offensichtlich gut gemacht, denn ich arbeite in der Zwischenzeit in meinem fünften Projekt als Regieassistenz, einem Job, von dem ich früher nicht mal wusste, dass es ihn gibt.
Die Lernwerkstatt hat mich auf jeden Fall sehr geprägt. Ich hatte neun Jahre die Möglichkeit ganz und gar Kind zu sein. Ich habe wunderbare Freund*innenschaften geschlossen, die bis heute bestehen. Ich bin damit aufgewachsen, dass Erwachsene auch nur Menschen sind und habe gelernt zu hinterfragen. Ohne die Lernwerkstatt hätte ich vermutlich nie genug Selbstvertrauen gehabt Theater zu spielen und wäre somit jetzt nicht da, wo ich heute bin. Durch meinen Weg nach der Lernwerkstatt, habe ich gelernt, zu was ich fähig bin und was ich alles schaffen kann. Ich weiß aber auch, dass ich es teilweise nach der Lernwerkstatt schwerer hatte, weil ich für die Welt außerhalb der LWS-Bubble einfach nicht gut genug vorbereitet wurde und meine Unsicherheit, zu glauben, nicht gut genug für etwas zu sein und dreimal so viel geben zu müssen, um auf den gleichen Stand zu kommen, auch teilweise auf die Lernwerkstatt zurückzuführen ist. Trotz allem bin ich unglaublich dankbar für all die Erfahrung, die ich machen durfte, die Lernwerkstatt hat mich auf jeden Fall sehr geprägt und ich würde nicht tauschen wollen, denn ohne sie wäre ich nicht, wer und wo ich heute bin. Und ich bin sehr glücklich über beides und daher möchte ich abschließend vor allem danke sagen: Danke!