Es war zu Beginn der 1990er Jahre, als „Wild“ eine zusätzliche Bedeutung für mich bekam.
Von Maries Polatscheck-Friess
Es war die Zeit, in der Kindergarten und Schule für mich und meine Geschwister „anders“ wurden. Damals beschäftigten sich unsere und einige andere Eltern intensiv mit alternativer Pädagogik, suchten Alternativen für ihre Kinder in Punkto Kindergarten und Schule und lasen unglaublich viele pädagogisch wertvolle Bücher. Meine Mutter besuchte reformpädagogische Seminare, u.a. das erste welches Rebeca und Mauricio Wild in Österreich anboten. Danach war für meine Eltern klar, dass sie mit ihren Kindern das herkömmliche Bildungssystem verlassen. Sie organisierten eine vorbereitete Lern- und Entwicklungsumgebung für uns Kinder im eigenen Haus, bei der sich gleichgesinnte Eltern mit ihren Kindern anschlossen. Infolge dessen wurde für diese vorerst kleine Eltern-Gruppe wichtig, Rebeca und Mauricio Wild für ein Seminar nach Tirol einzuladen und so kamen sie zu uns zu Besuch. Immer wieder kam es in den darauffolgenden Jahren zu Begegnungen, wenn die Wilds im Sommer in Europa unterwegs waren.
Neben Heinrich Jacoby, Emmi Pickler oder Jean Piaget, die für mich nur in Form von Büchern und als „Namen“ existierten, und Claus-Dieter Kaul, den ich in den Pausen von Seminaren gesehen hatte, gab es mit Rebeca und Mauricio Wild jemanden zum Angreifen, reelle Menschen, die Spuren im Leben hinterlassen haben. Während des Schreibens dieses Artikels wird mir klar, dass Rebeca und Mauricio mein Leben wohl mehr geprägt haben, als mir bisher bewusst war. Die Spuren, die die beiden in dem Kindergarten und in den Schulen, die ich besucht habe, hinterlassen haben, sind unübersehbar. Die Struktur von Bereichen, die Haltung von Erwachsenen oder das klare Ablehnen von Dingen, die für die Entwicklung von Lebensprozessen nicht dienlich sind, sind nur drei der unzähligen Dinge, die mir einfallen, wenn ich an Spuren der Wilds in der Lernwerkstatt denke.
Die ganz neue Sicht des menschlichen Wesens, sozusagen ein Paradigmenwechsel –das Kind von Geburt an als eigenständiges, vollkommen ausgestattetes Wesen anzuerkennen, das sich selbst entwickelt und Dinge hervorbringt, wenn es in einer respektvollen Beziehung und in einer stressfreien, entspannten Umgebung heranwachsen darf, die es ihm ermöglicht, sich durch selbstgewählte Erfahrungen im eigenen Tempo zu entwickeln.
Themen wie Freiheit und Grenzen, die Verantwortung der begleitenden Erwachsenen und auch die Rolle der Erwachsenen als BereiterInnen und HüterInnen des Raumes, in dem sich die Kinder frei entwickeln können.
Von Rebeca und Mauricio gab es ein riesiges Vertrauen in diesen gesunden individuellen Entwicklungsprozess. Für die Eltern meiner (und wahrscheinlich jeder) Generation von AlternativschülerInnen ist es immer wieder eine große Herausforderung, genau in diesem Vertrauen zu bleiben, anstatt Sorge zu haben, dass das Kind zu wenig lernen könnte. Mit dem Fokus auf den eigenen Entwicklungsplan eines jeden Kindes und mit dem Erkennen, dass es nicht das Ansammeln von Wissen, sondern der Aufbau von Verständnisstrukturen ist, der uns im Leben weiterbringen und uns die Möglichkeit geben kann, uns weiterzuentwickeln und weiterzubilden, haben Rebeca und Mauricio ihre „wilden“ Spuren bei den Erwachsenen und somit auch in der für uns Kinder vorbereiteten Umgebung geschaffen.
Die Mitbringsel und Geschichten aus Ecuador, mit denen Rebeca und Mauricio bei uns angekommen sind, haben mich neugierig werden lassen und nachhaltig Eindrücke hinterlassen. Noch heute habe ich den Geruch der bunten Haarspange oder des farbenfrohen Hängesessels in der Nase. Doch eigentlich prägend für mich waren diese beiden besonderen Menschen, die da bei uns auf Besuch waren. Rebeca, die so viel vom Pesta, ihren damals schon bald erwachsenen Söhnen sowie interessante Geschichten und Begebenheiten aus Südamerika erzählt hat. Wie spannend es war, zu hören, dass unter dem Haus von Rebecas Sohn eine Riesenschlage wohnt, die sich ab und zu ein Huhn holt und sonst ganz friedlich ist.
Einige Jahre später waren es die Erzählungen über die Erlebnisse der großen Radtour durch Ecuador und Kolumbien, die sie mit vielen Pesta-Jugendlichen gemacht hatten, die wiederum uns Jugendliche in der Lernwerkstatt inspiriert hat, selbst eine Rad-Reise zu planen und organisieren. Zehn Tage lange sind wir (ca. ein Duzend Jugendliche) von Herzogenburg aus quer durchs Waldviertel bis Tschechien, weiter nach Passau, ein Stück dem Inn entlang und über Mond- und Attersee wieder zurück nach Herzogenburg geradelt. Es gab spannende Momente, einmal ist uns unser Begleiter abhandengekommen. (Lustig, wie sich mit dem Gehirnumbau der Pubertät auch die Perspektiven wechseln. Es hat sich tatsächlich nicht danach angefühlt, dass wir Kinder und Jugendlichen dem Begleiter abhandengekommen wären. 🙂 )
Ich kann mich gut erinnern, wie wir Kinder Rebeca in ihrem „Büro“, dem friesengrünen T4, besucht haben, in dessen Fond sie saß und ihre Bücher schrieb und arbeitete, während sie über die Sommermonate hinweg durch Europa tourte und gemeinsam mit Mauricio Seminare und Vorträge hielt.
Mauricio ist mir in meinen Erinnerungen weniger vertraut, da ich ihn mehr in einer beobachtenden Rolle und viel im Austausch mit den Erwachsenen erlebt habe. Ich bekam Gespräche von den Erwachsenen mit, die immer wieder betonten, wie Mauricio in seinen Beobachtungen Essentielles erkannte. Dass er Verhaltensweisen hinterfragte und sein unglaubliches Wissen und seinen Forschungs- und Erfahrungsschatz, wie Lebensprozesse funktionieren, mit den Eltern und BegleiterInnen geteilt hat. Er hatte die Gabe, Hintergründe zu verstehen und „Probleme“ die es gab, an ihrer Wurzel zu erkennen. In seiner konsequenten, ja fast radikalen Art Dinge anzusprechen und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen hat er den Menschen genau den Spiegel vorgehalten, der wichtig für sie war.
Mit ihrem Blick auf die Erfüllung authentischer Bedürfnisse von Kindern in den verschiedenen Entwicklungsetappen, dem Respektieren echter Lebensprozesse und dem Schaffen von einem entspannten Rahmen, getragen von bedingungsloser Liebe, haben Mauricio und Rebeca etwas verkörpert, das den Funken hat überspringen lassen.
Ihr Interesse am Menschen und dessen Entwicklung war so sehr ansteckend, im Dialog immer wieder erfrischend und machte Mut dem Leben voll und ganz zu begegnen und es zu erforschen und auszukosten.
Diese Sicherheit, dass es richtig ist zu tun, was sich richtig anfühlt, kann entstehen, wenn man sich nicht selbst verloren gegangen ist!
Kindern eine vorbereitete Umgebung und entspannte Erwachsene zur Begleitung zu bieten heißt in Folge auch, dass junge Menschen echte Lebensprozesse erfahren dürfen, auch wenn sich das nicht immer leicht anfühlt. Das Hochgefühl, das entsteht, wenn wichtige Prozesse durchlebt werden, speichert sich in den jungen Menschen ab und ist ein Schatz, auf den diese Menschen in Zukunft immer wieder zurückgreifen können.
Erst zu einem viel späteren Zeitpunkt, als meine Kinder schon längst die Lernwerkstatt besuchten und ich mich dieser speziellen Schule von Elternseite näherte, habe ich eines von Rebecas Büchern selbst zur Hand genommen und habe mich in Folge durch fast ihr ganzes Werk gelesen. Wenig überraschend, aber doch spannend: Da steht genau das geschrieben, was mir als Kind und Jugendliche vorgelebt wurde. Immer wieder fallen mir beim Lesen Erinnerungen an bestimmte Momente ein, da lese ich förmlich heraus, warum wir Kinder von den Erwachsenen damals so begleitet wurden. Es entstehen aha-Momente, die mir erklären, warum es in der Schule manchmal so oder so abgelaufen ist und ich erkenne Interpretationen von Geschriebenem, das ich aus heutiger Sicht vielleicht ganz anders aufnehmen und deuten würde. So manchem intensiven Erlebnis, an das ich mich erinnere, kann ich nun mit einem wohlwollenden, zwinkernden Auge gegenüberstehen.
Danke Rebeca und Mauricio, dass ihr so hartnäckig und konsequent wart und den Eltern meiner Generation so genau auf die Finger geschaut und mit ihnen langläufige Verhaltensmuster hinterfragt habt. Ihr habt ihnen Mut gemacht neue Wege in der Begleitung von uns Kindern und jungen Menschen zu gehen.
Das Erkennen, dass ich gerne die Art von Begleitung an meine Kinder weitergebe, die mir selbst gut getan hat, und dass ganz viel Wissen der Erwachsenen, die mich begleitet haben, von „den Wilds“ gekommen ist, berührt mich, macht mich reicher und wirklich dankbar gegenüber den beiden PionierInnen. Danke für eure Erfahrungen! Danke, dass ihr eure Erfahrungen und euren Weg mit der Welt geteilt habt Rebeca und Mauricio.