Es ist mitten im Februar, von der Sonne in St. Pölten führt meine Fahrt in den Nebel Richtung Krems, von der Donau noch hinauf Richtung Dunkelsteiner Wald, in ein kleines Dorf am Rande der Wachau. Ich werde dort erwartet von Sabine Polatschek, deren Enkel mit meinem Sohn gemeinsam in die Lernwerkstatt geht. Natürlich bin ich schon sehr gespannt auf das Kennenlernen und das Gespräch mit der engagierten Gründerin, Mutter von vier Kindern und Freundin der Reformpädagogen Rebeca und Mauricio Wild.
Interview mit Sabine Polatschek über ihren ganz individuellen Weg des pädagogischen Aufbruchs
Von Maja Peters
Wir tauchen sehr rasch ein in die geschichtliche Entwicklung der selbstbestimmten Pädagogik in Österreich, verwoben mit der persönlichen Geschichte von Sabine und ihrer Familie.
Maja: Beginnen wir mit deinem eigenen Bildungsweg. Wie erging es dir denn in der Schulzeit in deiner Heimat Tirol?
Sabine: Für mich war Kindergarten und Schule ein Horror und ich habe immer das Gefühl gehabt, es ist mir so viel Lebenszeit gestohlen worden mit diesen Zwängen, dort sitzen und Aufgaben machen zu müssen, die ich nicht selbst gewählt habe. Für unsere Elterngeneration war Schule dagegen alles. Meine Mutter durfte nicht regelmäßig in die Schule gehen, sie war die Älteste von elf Kindern und musste immer wieder zu Hause bleiben und mitarbeiten. Sie hat die Schule daher als sehr wichtig angesehen. Meine Eltern waren damals immer auf der Seite der Lehrer. Dadurch hatte ich das Gefühl, die Schule treibt einen Keil in unsere Familie. Ich habe zum Beispiel bei schlechten Noten Hausarrest bekommen. Das war für mich das Schlimmste, da ich so ein freiheitsliebender Mensch bin! Ich wollte immer nur draußen sein! So kam es, dass ich viele Dinge heimlich machen musste, um bloß keine Strafen auszufassen.
Maja: Wie bist du denn zum Thema Pädagogik gekommen?
Sabine: Mir war von Anfang an klar, dass ich für meine Kinder nicht denselben Weg gehen will, wie ich es erlebt habe. Ich habe vor der Geburt meiner eigenen Kinder als Buchhändlerin gearbeitet und habe mich damals schon sehr für Pädagogik interessiert. So habe ich etliches an Literatur, die ich zu diesem Thema gefunden habe, verschlungen. Außerdem wollte ich als Hauptschülerin schon Kindergärtnerin werden, was mir aber von allen Seiten ausgeredet wurde, weil es geheißen hat, dass ich nicht singen kann. Später war ich froh darüber, dass ich einen ganz anderen Einstieg in die Pädagogik hatte.
Maja: Und wie hat dein Weg mit den eigenen Kindern begonnen?
Sabine: Begonnen hat der Weg so, dass wir (mein damaliger Ehemann und Vater unserer vier Kinder und ich) uns als Eltern bemüht haben, einen sehr offenen und feinen Umgang mit den Kindern zu haben und sie in ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen. Und ich habe schon mit dem ersten Kind gelernt, dass man als Erwachsene mehr in der Beobachterrolle bleiben sollte, um das Kind in seinem natürlichen Spiel nicht zu stören. Ich habe vier Kinder in Zwei-Jahres-Abständen bekommen und habe diese Lebendigkeit, die das mit sich gebracht hat, sehr geliebt. Bei uns waren immer viele andere Kinder zu Besuch. Meine Erfahrung mit dem Regelkindergarten beim ersten Kind wirkten auf mich so direktiv und beurteilend, dass ich irgendwann beschlossen habe, selbst aktiv zu werden. So kam es, dass ich Handzettel im ganzen Ort verteilt habe und daraufhin gemeinsam mit vier anderen Familien eine Kindergruppe gegründet habe. Dazu bestärkt und unterstützt hat mich auch meine Freundin und in weiterer Folge langjährige Weggefährtin Gabriela Zoller, jetzige Bergmann. Wir erhielten damals für das Kindergartenprojekt viel Unterstützung vom Bürgermeister, da es zu wenige Betreuungsplätze im Gemeindekindergarten gab. So wuchs mit viel Elternengagement nach einem Jahr die Kindergruppe von ca. 6 Kindern zum Kindergarten „Schpumpernudel“ mit ca. 20 Kindern, der unter der Leitung von Gabriela zu einem wirklichen Vorzeigeprojekt wurde.
Maja: Wie ist dann die Begegnung mit den Reformpädagogen Rebeca und Mauricio Wild zustande gekommen?
Sabine: Im Sommer, bevor wir den Kindergarten eröffnet haben, erfuhren wir von den Reformpädagogen Rebeca und Mauricio Wild und ihrem Kindergarten- und Schulprojekt in Ecuador. Wir lasen das erste Buch von Rebeca, Erziehung zum Sein, und waren total begeistert. Das war zu Beginn der 1990er Jahre. Kurze Zeit später haben wir das erste Seminar bei ihnen besucht, das war damals in Oberösterreich und bestand, soviel ich mich erinnere, aus drei größeren Blöcken über das Jahr verteilt. Bei diesem ersten Seminar haben wir viel darüber erfahren, wie Lernen ganz natürlich und freudvoll funktioniert. Nämlich in einer den Entwicklungsbedürfnissen entsprechenden, vorbereiteten Umgebung. Dort können die jungen Menschen durch konkrete Erfahrungen forschen, verstehen und lernen und ihrem inneren Weg folgen, ohne sich selbst zu verlieren. Wir haben Materialien kennengelernt, anhand derer es möglich ist Verständnisstrukturen aufzubauen, sodass Lernen zu einem lustvollen Erlebnis wird. Mit den Jahren ist aus dieser ersten Begegnung mit dem Ehepaar Wild eine Freundschaft entstanden.
Maja: Was hatte das für Folgen für dich?
Sabine: Mein Sohn Paul war in dieser Zeit in der ersten Klasse Volksschule und nach dem Seminar war uns, Stefan und mir, klar, dass wir ihn aus der Schule nehmen würden. Wir haben in dieser Zeit erfahren, dass es die Möglichkeit des Hausunterrichts gibt. Gabriela, die pädagogische Leiterin unseres Kindergartens wurde, und ihr damaliger Partner Bernhard haben sich daraufhin entschlossen auch ihren Sohn, der im gleichen Alter wie Paul war, zum Hausunterricht abzumelden und am Vormittag zu uns zu bringen. Unser Entschluss war, dass ich im Wochenwechsel mit Bernhard die Kinder in unserem Wohnhaus und Garten in ihrem Entwicklungsprozess begleite. Die Söhne von zwei weiteren Familien kamen noch im selben Jahr dazu. So starteten wir also bei uns im eigenen Haus mit vier siebenjährigen Buben, haben die Räumlichkeiten adaptiert und immer mehr erweitert und für die Kinder eine „vorbereitete Umgebung“ mit vielen Materialien und Angeboten zum Spielen, selbständigen Forschen und Erfahrungen Sammeln bereitgestellt.
Maja: Wie wurde das in deinem Ort aufgenommen?
Sabine: Die ersten zwei Jahre war es eher ruhig, da die Kinder aus verschiedenen Schulsprengeln kamen und so der Zusammenschluss nicht sichtbar war. Als dann im dritten Jahr einige Schüler/Innen nach dem ersten Volksschuljahr in der örtlichen Volksschule auch den Hausunterricht anmeldeten und zu uns wechselten, wurde von der Schulbehörde versucht, das Projekt zu stoppen – sogar über die Baubehörde wurde das versucht, da unser Haus renovierungsbedürftig war. Als dann ein Jahr später der damalige Schulinspektor in Pension ging, kam eine jüngere und sehr engagierte Inspektorin nach. Sie kam auf uns zu und hat sich wirklich angeschaut und auch erkannt, wie die Kinder hier auf ganz andere Art lernen, sodass wir mit ihrer Unterstützung nach ca. vier Jahren schließlich eine private Schule mit Öffentlichkeitsrecht gründeten und das Projekt auch in ein neues Gebäude übersiedelte. Wir nannten diesen Lern- und Entwicklungsort „Heinrich-Jakoby-Schule“, nach dem Pädagogen, dessen Arbeit in dem Buch „Jenseits von begabt und unbegabt“ beschrieben und eines unserer Grundlagen-Werke war.
Maja: Wo kam der pädagogische Input für euer Konzept her?
Sabine: Wir haben verschiedene reformpädagogische Seminare besucht, viel gelesen und ab unserem zweiten Jahr des Hausunterrichts die Wilds eingeladen, Seminare bei uns vor Ort zu halten. Sie kamen dann einige Jahre für Seminare zu uns nach Telfs. Die Wilds konnten schon mit über zehn Jahren Erfahrung auf diesen so anderen Lernweg zurückblicken. Zudem waren sie unermüdliche Forscher und haben ihr Wissen und ihre Erfahrungen in den Seminaren und vielen Gesprächen mit uns geteilt. Rebeca und Mauricio Wild waren damals in der Mitte ihres Lebens. Sie hatten die freie Schule „Pesta“ in Ecuador gegründet und waren jeden Sommer unterwegs in Europa, hielten Seminare und teilten ihr Wissen mit interessierten Menschen. Durch diese beiden Pädagogen ist sehr viel neuer Wind in unseren Lernort gekommen. Dadurch ist das Interesse der Eltern auch sehr groß gewesen. Es war uns sehr wichtig, dass wir als junge Eltern lernen, wie und warum diese Pädagogik so anders gelebt wird und unter welchen Bedingungen selbstbestimmtes Lernen funktionieren kann.
Maja: Wer hat die Schüler im häus-lichen Unterricht betreut und wie entwickelte sich das Schulprojekt weiter?
Sabine: Wenn ich mich richtig erinnere, haben Bernhard und ich die ersten vier Jahre im Wochenwechsel die Kinder bei ihren Lernprozessen begleitet und die pädagogische Linie vorgegeben. Manche Eltern haben immer wieder mit freien Angeboten und Exkursionen für die Kinder unterstützend mitgewirkt. Als die Gruppe größer geworden ist (ich glaube bei ca. 20 Kindern), haben wir das Gefühl gehabt, dass wir zu viel Verantwortung und Arbeit alleine tragen, und aus diesem Grund einen Elternverein gegründet. In dem Moment, wo die Eltern mehr Verantwortung hatten, kamen plötzlich die Ängste und Zweifel auf, ob die Kinder zu wenig lernen oder ob es doch richtige Lehrer bräuchte, …. und die Folge waren auch zeit- und kraftraubende Diskussionen und viele Unstimmigkeiten. So kam es, dass sich unser eigenes Projekt so stark verändert hat, dass wir uns als Familie wieder davon getrennt haben. Damals war das Schulprojekt auch schon nicht mehr in unserem Haus.
Maja: Wie war das Verständnis für euer innovatives Schulprojekt seitens deiner Ursprungsfamilie?
Sabine: Meine Eltern und meine Schwiegermutter hatten einerseits große Ängste, „dass aus den Kindern nichts wird“. Und dass wir einen anderen Weg gingen, hat diese Generation wohl eher als Kritik an ihrer eigenen Erziehungsarbeit aufgefasst und nicht als Weiterentwicklung. Das hat dann einige Zeit gebraucht, bis wir respektiert wurden in dem, was wir tun. Das Verständnis war einfach lange nicht da für diese neue Form des Lernens.
Ich weiß noch, einmal kam Paul nach einem Wochenende im Stubaital bei den Großeltern ganz fertig nach Hause und hat erzählt, dass die Oma meinte, er müsse später einmal unter der Brücke schlafen, wenn er nichts Gescheites lernt … da habe ich ihn beruhigt und habe ihm gesagt: „Die Oma weiß einfach nicht, wie viel und wie großartig du und die anderen lernt. Die kann sich das nicht vorstellen.“
Erst als die Kinder schon am Ende der Schulzeit in der Lernwerkstatt waren, hat meine Mutter mir gesagt, dass sie im Nachhinein sieht, wie toll die Kinder sich entwickelt haben und dass sie, wenn sie noch einmal jung wäre, auch vieles ganz anders machen würde. Diese Wertschätzung für unseren Weg hat mir sehr gutgetan.
Maja: Welche Anekdote mit der Familie Wild fällt dir spontan ein?
Sabine: Einmal waren die Wilds mit ihrem Sohn Leonardo bei uns und hatten einen jungen indigenen Ecuadorianer dabei. Als wir mit den beiden mit dem Zug nach Innsbruck fuhren, war der junge Ecuadorianer so erstaunt über den Zug, dass er ihn Eisenwurm nannte, da er so etwas zum ersten Mal in seinem Leben sah. Auch im Alpenzoo war er vollkommen überwältigt. Es waren einfach so großartige interkulturelle Begegnungen, wir erfuhren viel vom Leben aus dieser ganz anderen Kultur.
Maja: Was war einer der prägnantesten Sätze von Mauricio Wild, der dir einfällt?
Sabine: Er sagte immer: „Wir lernen den Kindern nichts!!! Wir ermöglichen Lebensprozesse, aber wir lernen ihnen nichts!“
Wenn man da auch dranbleibt, dann merkt man schnell, dass die Kinder von innen heraus lernen. Denken wir nur an die Kindesentwicklung bis zum Kindergartenalter, was sie da alles von sich aus lernen, ohne dass wir ihnen irgendetwas beibringen!
Maja: Was hältst du vom Lernen aus Fehlern?
Sabine: Ich finde Fehler ist das falsche Wort. Es geht darum eine Erfahrung zu machen und dann die nächste Erfahrung, um mich so dem Richtigen, dem Stimmigen immer mehr anzunähern. Das Dilemma entsteht dann, wenn Fehler in der Schule auch noch negative Konsequenzen nach sich ziehen, wie schlechte Noten oder das Sitzenbleiben, dann fängt der Teufelskreis an, weil man sich nicht mehr traut Fehler zu machen. Aber der „Fehler“ ist so wesentlich, um nach dem „Richtigen“ zu forschen und zu suchen, dieses „Wissen-wollen“ ist der Motor für effektives Lernen. Wenn jetzt aber Fehlermachen schmerzliche Konsequenzen nach sich zieht, wird dieser Motor leider gebremst oder gar zum Erliegen gebracht.
Maja: Wie hat sich dein Weg als Pädagogin weiterentwickelt? Deine Motivation für pädagogische Weiterbildungen und Projekte gründetet viele Jahre lang auf dem Wunsch, die eigenen Kinder in größtmöglicher Freiheit zu begleiten. Woher kam deine Motivation, nachdem deine Kinder schon die Schule beendet hatten, wieder mit kleinen Kindern arbeiten zu wollen?
Sabine: Nachdem wir als Familie 1997 nach Niederösterreich gegangen waren, besuchten unsere Kinder die Lernwerkstatt und ich war sehr verbunden mit der Lernwerkstatt und den Menschen dort. Ich habe dort auch immer wieder in der Betreuung ausgeholfen. Im Jahr 2002 wurde mir klar, dass ich nun mit ganz jungen Kindern arbeiten möchte. Mein Anliegen war auch die Eltern der Kinder früher zu erreichen, um mit ihnen meine pädagogischen Erfahrungen zu teilen. Ich merkte immer wieder, dass schon so unglaublich viel passiert ist, wenn Familien erst mit Schuleintritt ihrer Kinder diese Form der Pädagogik kennenlernen. Und das ist dann oft ein mühsamer, langer Prozess, bis man das Gefühl hat, jetzt fängt der Motor wieder an. Und ich wollte selbst auch noch einmal ausprobieren, wie das mit den Kleinsten geht.
Maja: Wie ist die Idee für einen Kindergarten im Wald entstanden?
Sabine: Die Idee eines Waldkindergartens gab es schon in Tirol, als wir damals kein Grundstück oder Haus für unser Projekt fanden. Da wir dann aber ein sehr gut geeignetes Gebäude mit einem wunderschönen, wilden Gelände bekamen, ist dieser Gedanke wieder verschwunden.
Maja: Wie wurde daraus dann viele Jahre später der Waldfexxx, der bis heute besteht?
Sabine: Der Entschluss, wieder mit Kindern im Kindergartenalter zu arbeiten, stand nun bereits fest und ich habe mich in der Spielwerkstatt beworben, die damals Verstärkung brauchte. Daraus wurde aber nichts, da ich keine staatliche elementarpädagogische Ausbildung hatte. Als ich enttäuscht über diese Absage unmittelbar danach von meinem Zuhause in Krems-Stein nach Egelsee und dort in den Wald wanderte, hatte ich die Vision, dort oben einen Waldkindergarten zu starten. Ich erzählte sofort Christine davon, die sehr begeistert sofort ihre Unterstützung bei der Gründung angeboten hat. Christine hat damals im Büro der Lernwerkstatt gearbeitet. So reifte diese Idee immer mehr, ich fing dann an ein Konzept zu schreiben. Wir gingen gemeinsam zur Gemeinde, stellten dort das Projekt vor und sagten einfach, das machen wir! Und schließlich kam es so, dass das Waldgebiet, in dem nun der Waldkindergarten beheimatet ist, jener Wald ist, der zum Familienbesitz der Familie Glaser gehört. Das war einfach großartig, denn Christine, wie auch ihr Mann Franz waren von Anfang an Feuer und Flamme für das Projekt. Auch Franz hat so viel gegeben und mich und das Projekt immer unterstützt! Denn in den ersten beiden Waldfexxx-Jahren war ich allein mit den Kindern unterwegs. Das Aufbauen des Projekts war nicht einfach, dabei hat mich der Vater meiner Kinder, Stefan, ebenfalls sehr unterstützt, so hat er zum Beispiel den Verein Waldfexxx mit mir gegründet und mich bzw. das Projekt finanziell sehr unterstützt und auch administrative Tätigkeiten übernommen.
Maja: Wie sieht das Projekt heute aus?
Sabine: Aktuell besuchen zirka 30 Kinder den Waldfexxx und fünf Betreuerinnen begleiten die Kinder, darunter sind auch meine beiden Töchter Marise und Vera, was mich wirklich mit Freude erfüllt! Es sind zwei Gruppen, bei den jüngeren Kindern sind drei und bei den älteren Kindern sind zwei Begleiterinnen (derzeit haben wir keinen männlichen Begleiter). Die Kinder sind dem Alter entsprechend aufgeteilt, da die Bedürfnisse bei den 2,5 – 3/4 -jährigen Kindern ganz anders sind als bei den 5/6-jährigen Kindern. Mit den jungen Kindern ist man sehr viel im Basislager und mit den älteren Kindern kann man schon gut unterwegs sein, verschiedene Plätze aufsuchen, da ist schon eine ganz andere Dynamik drin.
Ich habe damals das Projekt mit 3-jährigen Kindern gestartet und habe es dann jedes Jahr von unten nach oben wachsen lassen. So war ich in den ersten beiden Jahren allein mit den Kindern unterwegs und erst im dritten Jahr kam dann ein junger Mann dazu, der am Vormittag mitbegleitet hat.
Nach einem Jahr war für mich klar, dass es solche Plätze für Kinder dringend braucht und Christine und ich begannen auch Tagesseminare anzubieten.
Maja: Zum Abschluss interessiert mich noch, was du für Wünsche für die Zukunft der Lernwerkstatt hast.
Sabine: Ich würde mir eine finanzielle Erleichterung von Seiten des Staates für die Familien wünschen, zum Beispiel einen Bildungsscheck! Ich finde es wäre wichtig, dass die Eltern nicht in dieser Form finanziell für die Schule aufkommen müssen. Es ist einfach eine wahnsinnige Belastung für junge Familien. Es verlangt auch von den Eltern, dass sie meist beide berufstätig sein müssen und dadurch weniger Zeit für die Kinder haben. Und dann ist auch sehr viel Elternarbeit gefragt, da ohne die Mitarbeit der Eltern die Schule noch mehr Kosten verursachen würde. Wenn es dagegen ein Bildungsgeld für alle geben würde und Eltern selbst entscheiden könnten, welche Schule und welches Bildungssystem für ihr Kind passend ist, hätten wir eine ganz andere Vielfalt im Bildungsbereich. Auch die Regelschulen wären, glaube ich, wesentlich innovativer.
Es war in den 1990ern als wir angefangen haben und wir haben immer gedacht, dass es einmal leichter werden wird. Und es hat sich nie verändert, ganz im Gegenteil, habe ich das Gefühl, es wird eher schwieriger für junge Familien das zu stemmen!
Die Vorstellung, dass die Eltern statt der vielen Mitarbeit pädagogischen Austausch bekommen würden und den Fragen, die sie im Begleiten ihrer Kinder haben, noch mehr auf die Spur gehen könnten und zweckmäßiges Verhalten im Begleiten der Kinder erforschen könnten, das wäre dann schon eine echte Unterstützung, die sicherlich auch einen breiteren Wirkungsgrad hätte.
Es gehört sehr viel Mut und Einsatz dazu diesen anderen Weg zu gehen, aber wenn wir einmal damit begonnen haben, erkennen wir, dass eine respektvolle Haltung dem Leben gegenüber sich nicht nur auf die Begleitung unserer Kinder auswirkt, es ist eine Lebenshaltung, die auch eine tiefere Verbundenheit und Liebe mit dem „Ganzen“ nährt und mehr Zuversicht in dieser herausfordernden Zeit bringt.
Maja: Vielen Dank für das spannende und bereichernde Interview!